Brief an einen Ungeliebten…

Hi Dia, alter Sack

Was geht? Du wirkst so hibbelig. Was? Du willst noch weg? Clubhopping? Ne, du, ich komm nicht mit heute, aber mach du nur…hehe… ich weiss Alter, wir sind quasi siamesische Zwillinge. Aber ich muss morgen arbeiten, Insulin verdienen, kennst du? Ne tust du nicht, fauler Sack! Du hängst ja immer nur rum und lässt es dir mit meinem Insulin gut gehen…

Mann hast du mich damals erschreckt, als du so unvermittelt wie ein Geisterfahrer aufgetaucht bist und mit Zahlen und Masseinheiten um dich geworfen hast, von denen ich noch nie gehört hatte und die ich nicht verstand. Wie du mir dann endlich vorgestellt wurdest, hatte ich ja schon viel Übles über dich gehört. Du seist ein Miesmacher, ein Korinthenkacker waren noch die harmlosesten Verdächtigungen. Es gab auch Leute, die dich unumwunden einen Killer nannten. Du verstehst also sicher meine Zurückhaltung, als du dich bei mir eingenistet hast. Obwohl ich irgendwie beruhigter war, als der Professor meinte, du würdest keine spezielle Diät brauchen. Und immerhin soff und pisste ich nicht mehr 6 Liter pro Tag, ohne das der Durst weg ging. Ist ja schon ein Fortschritt, dachte ich. Zudem erzählte mir eine Beraterin, die dich sehr gut kennt, dass du zwar ein ziemliches Arschloch sein könnest aber mit etwas Geduld, Bestechung und viel Information seiest du zu bändigen, jedenfalls meistens. Also las ich im Gegensatz zu meinem Naturell deine Kontaktanzeige und die Gebrauchsanweisung sehr genau. Hat geholfen, bisher, gell? Ja was bist für ein braver, ja wo ist er denn der Dia… Ich weiss, dass du magst nicht, wenn ich dich verhunde, aber ich mags… hehe!

Aber noch kannte ich dich nicht wirklich und unsere Beziehung wurde zu schnell zu eng. Zudem war das ja einerseits eine arg einseitige Liebesbezeugung und andrerseits werde ich grantig, wenn ich nicht gefragt werde. Und bei sozialen Beziehungen bin ich da ganz besonders empfindlich. Und eine soziale Beziehung sind wir ja eingegangen, sozusagen! Wir zwei sind schon ein komisches Paar, odd couple irgendwie. Wir wohnen zusammen, wir gehen zusammen aus, wir fahren zusammen in den Urlaub. Ja du kommst sogar mit zur Arbeit. Irgendwie geht mir diese enge Beziehung manchmal ziemlich auf den Sack. Immerhin bist du nicht sehr eifersüchtig, das wär ja noch schöner. Allerdings hast schon ein ausgeprägten Kontrollsinn. Und btw.: Nur dass das klar ist: Ich liebe dich nicht und das ist kein Liebesbrief…

Aber wir haben uns einigermassen aneinander gewöhnt und ich schau dir ja auch genau auf die Finger, denn unbeaufsichtig lässt dein Verhalten doch sehr zu wünschen übrig. Respektlos ist dann erst der Vorname. Und dann erst deine Junkiementalität. Immer brauchst du irgendwas und ich darfs dann bezahlen. Hast du eigentlich jemals gefragt, was ich will? Ob ich mit dir zusammen sein will? Irgendwie habe ich das Gefühl, du seist so ein sackegoistischer, ungeliebter Verwandter, der nichts zu vererben hat, ziemlich unflätig sein kann und den man zwar am Liebsten zum Teufel wünschen aber leider nicht wirklich dahinschicken kann.

Was bleibt? Ignorieren geht nicht, da wirst du fies! Vertreiben? Geht auch nicht, du bist sowas von penetrant anhänglich. Erschiessen? Wäre sehr befriedigend aber dabei ginge ich ja auch drauf und auf einen sogenannten erweiterten Suizid nur um dich los zu werden habe ich keinen Bock. Bleibt also nur noch die mal mehr, mal weniger friedliche Koexistenz? Sieht so aus und du hast damit dein Ziel erreicht, du Schlitzohr.

Also haben wir ein paar Verhaltensregeln aufgestellt: Ich messe dich 4 x am Tag und erlaube dir ein Tässchen Insulin und zur Nacht ein Bettmümpfeli Basalinsulin, dass du so magst. Und, welch Überraschung, bisher halten wir uns leidlich daran. Sogar du, Dia, bist einigermassen zuverlässig und wenn nicht, du weisst, dann pieks ich dich, was du gar nicht magst. Meist kuscht du nur schon ob der Androhung…

Was ich trotzdem wirklich mag an dir, ist deine relative Gelassenheit und deine Grosszügigkeit, was Essen angeht, sogar Süssigkeiten übersiehst du geflissentlich oder isst mit. Ok, manchmal muss ich dich bestechen, dann gibts etwas mehr von deinem Lieblingsinsulin. Aber im grossen Ganzen bist du eigentlich pflegeleicht. Ich weiss, dass hörst du nicht gerne, weil du möchtest ja so ein mean, mean Monster sein. Manchmal lasse ich dich das machen und du kannst ganz schön Eindruck machen. Die Mädels jedenfalls mögen mich dann, so von wegen böse Jungs sind spannend und so…

Allerdings habe ich gehört, du könnest einen ausgeprägten Altersstarrsinn entwickeln und aus purer Fiesheit Zehen verlieren, also meine Zehen natürlich und auch andere Körperteile seien nicht sicher vor deiner Bosheit. Das gibt mir schon zu denken, denn eigentlich möchte ich a) körperlich vollständig und b) ein Einzelzimmer in der Alters-WG. Aber du wirst vermutlich einfach miteinziehen, dich breit machen und versuchen an meine Körperteile zu kommen…

Nun, zum Ende muss ich dir gestehen, dass ich mir ein Leben ohne dich fast nicht mehr vorstellen kann. Aber bilde dir bloss nichts darauf ein, wenn es einen Weg gibt, Dich loszuwerden, schmeiss ich dich ohne mit Wimper zu zucken raus. Aber ich würde schon schauen, dass du ein gutes Plätzchen findest, z.B. auf dem Gnadenhof für pensionierte abgehalfterte Kranheiten, da kannst du dann den bösen Helden spielen und mit anderen pensionierten Krankheiten über eure „Kriegserlebnisse“ plaudern. Aber bitte, mach mich irgendwie fieser als ich wirklich bin gell?

Also Alter, das solls mal gewesen sein mit Liebesbezeugungen und Flattiererei. Wir bleiben ja wohl noch etwas beisammen und wenn du weiterhin so brav bist, dann kriegst du dein Insulin, versprochen. Wenn nicht, schmeiss ich dich raus, ok, ich drohs mal an… Aber versprich mir auch was: Du weisst, ich mag zu enge Beziehungen nicht so und du neigst schon arg zum Klammern und Kontrollieren, man könnte paranoid werden. Also lass das, mach mal alleine was und lass mich mal etwas in Ruhe. Wenigstens versuchen könntest dus mal… (ich würde dann wohl doch schnell umziehen, wenn du es mal schaffen solltest, hehe!) Dann geht das easy, ok?

Und am Weekend ziehen wir um die Häuser und machen einen drauf, versprochen! Aber du musst mir einen Döner genehmigen und ein, zwei, drei Bierchen und ein Stück Schwarzwäldertorte und so… klar?

Bis denne, alter Schwede, lass es dir nicht zu gut gehen.

Gerri

diabetes-blog-Woche_Final

http://diabetes-blog-woche.de/
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3 Gedanken zu “Brief an einen Ungeliebten…

  1. Hey! Ich wollte nur eben sagen, dass mir dein Brief gefällt 🙂 So ironisch, zynisch und wirklich unendlich wahr! Trotz der Wahrheit musste ihc teilweise echt lachen 😀 Ich selbst habe seit 16 Jahren Diabetes und find’s super, herauszufinden, was andere Leute dazu stehen. Ich bin auf weitere Einträge gespannt! 🙂 (Y)

  2. Da muss ich meiner Vorrednerin zustimmen! Super geschrieben! Sehr erfrischend und mal etwas anders als viele andere. Es ist wahr doch – oder gerade deswegen ist es so wahr!
    Liebe Grüße, Lisa

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